Bitte hilf mir beim Sterben...

Beruflich sieht man in meinem Job als Krankenschwester auf einer Intensivstation ja doch regelmäßig zum Teil menschenunwürdiges Leiden, und kommt so immer mal wieder in die Verlegenheit, das Thema der aktiven Sterbehilfe zu besprechen. Viele meiner Kollegen empfinden unsere diesbezügliche Gesetzeslage als falsch und beispielsweise die Schweiz als vorbildlich.
Aber die Gesetze binden uns nunmal- mag man auch noch so sehr der Ansicht sein, dass der Tatbestand der aktiven Sterbehilfe vielleicht moralisch gar nicht so verwerflich ist. Jedes Tier dürfte man von seinem Leiden erlösen.
Man blendet es aus, das Thema. Man sagt: Natürlich ist unsere Gesetzeslage so, und mag ich persönlich Sterbehilfe durchaus befürworten, so binden mich dennoch unsere Gesetze.
Und das ist das was nunmal so ist.

Aber wie ganz anders stellt das Thema sich dar, wenn einer aus der Familie einen darum bittet. In diesem Fall die Großmutter, die sich quält und quält und sehnsüchtig auf einen freien Platz im Pflegeheim wartet- wohl wissend dass sie eigentlich niemals dort hin wollte, aber sehr gut einsehend, dass sie körperlich so sehr ausgelaugt ist, dass sie zuhause eben einfach nicht mehr zurecht kommt. Die dafür ihre liebgewonnene Stadt verlassen muss, in der sie alle ihre Kontakte hat- nur um näher zu einem ihrer Kinder zu kommen, damit das ihre Rechte vertritt und ein Auge auf ihre Versorgung wirft, wenn sie sich vielleicht einmal nicht mehr wehren kann.

Wenn man die tagtägliche Quälerei mit ansieht, weil man sie besucht... und ihren Wunsch, ihrem Leben ein selbstgewähltes Ende zu setzen, durchaus versteht. Weil der Körper durch die Nahrungsaufnahme, für die sie unendlich lange benötigt, immer mehr ausgezehrt ist. Weil sie sich selbst mit nur 36kg als hässliches Gerippe empfindet, und sich selbst nur noch als "die wandelnde Leiche" bezeichnet.
Weil sie fürchtet, dass sie durch ihre zunehmende Schluckstörung eines Tages jämmerlich erstickt... und andererseits aber keine Magensonde durch die Bauchdecke gestochen haben möchte.

Wie also sollte man den Wunsch eines Menschen aus der eigenen Familie, diesem langsamen Sterben auf Raten zuvor zu kommen und sich selbst zu erlösen, wie meine Großmutter sich ausdrückt, nicht verstehen?

Und wie sollte man nicht gleichzeitig zutiefst traurig darüber sein, dass man von ihrem Leben durch die Distanz die zwischen den Wohnorten liegt, so wenig mitbekommen hat? Zumal ich ihr nicht nur äußerlich ähnlich bin, sondern irgendwie auch geistig. Manches Mal habe ich das Gefühl, dass mein Leben einen ähnlichen Weg nehmen könnte, denn manches das man ihr an Negativem nachsagt, das hat man auch mir schon mehrfach vorgehalten. Und jedes Mal bei den seltenen Gelegenheiten die ich sie sehe, dann ist da- trotz aller Fehler und trotz der Tatsache, dass ich als Kind tief verletzt war weil sie mich so offensichtlich meinem Bruder vorzog und ihre Familie gegeneinander aufwiegelte- eine beinahe hilflose Liebe, deren Intensität mir das Wasser in die Augen treibt. Vielleicht liegt es daran, dass sie ebenfalls hochintelligent ist. Vieleicht, weil ich ihr Zeichentalent geerbt habe. Vielleicht, weil sie die Einzige in der Familie ist, die vorbehaltlos anerkannt hat, dass ich ein ADHS habe... und die sogar so weit ging zu sagen, dass sie selbst mit Sicherheit ebenfalls davon betroffen sei. Und weil es ganz vielleicht eben sein könnte, dass man ihr gewisse negative Dinge eben gerade deswegen nachsagt und sie es aber eigentlich gar nicht so gemeint hat.... Fragen, die sie mir nicht mehr beantworten wird, weil ihr die Kraft für längere Gespräche oder Briefe fehlt... weil sie alle Kraft benötigt, um noch tagtäglich überhaupt das Bett zu verlassen, sich anzukleiden, zwei Stunden für eineinhalb Schnitten Brot zu kämpfen, und danach erst mal mindestens eine Stunde liegen zu müssen, weil man vollkommen erschöpft ist....

Wie sollte man nicht zutiefst entsetzt sein, dass ausgerechnet man selbst derjenige ist, der ihr heimlich die Mittel besorgen und schicken soll, die dann einen Freitod überhaupt erst möglich machen?
Schon durch die Frage ist da jetzt das nagende Gefühl von Schuld.

Kann ich ihr das weitere Leid zumuten und die Hoffnung die sie mit dieser Frage in mich setzt enttäuschen- wo es eine der wenigen Hoffnungen ist, die sie noch kennt?
Und kann ich es andererseits vor meinem Gewissen verantworten, an entsprechender Stelle einen Diebstahl zu begehen (denn darauf liefe es hinaus) und kann ich mit der Schuld leben, letztendlich ihren Tod auf meinem Gewissen zu haben?
Beides beantwortet die Stimme in mir mit einem klaren: NEIN
Und da fängt die Ambivalenz an. Das Leid nicht zumuten zu wollen, heimlich am Wochenende die der Besuch währte nach jedem Moment mit ihr bittere Tränen des Mitleids zu vergießen... und ihr dann nicht behilflich zu sein- und im Gegensatz dazu die Gewissenslast durch Diebstahl und zumindest moralische Schuld ihr die Gelegenheit zum Selbstmord verschafft zu haben.
Und da lasse ich schon die Konsequenzen außen vor, die es hätte, wenn irgend eines der Halbgeschwister meines Vaters jemals Wind davon bekäme.

Eigentlich wollten wir meine Großmutter nur besuchen, weil eben nicht abzusehen ist, wie lange ihr Körper noch zäh weiter tickt- und weil sie uns (meinem Bruder, seiner Lebensgefährtin und mir) eben was wir aus ihrer Wohnung gebrauchen können mitgeben wollte, da sie ja auf einen Platz im Pflegeheim wartet...
Und heim geschickt hat sie mich mit dem vielleicht größten Gewissenskonflikt, den sie mir hätte zumuten können... und für den ich keine Lösung sehe, nur hilflose Zerrissenheit.
Was soll ich nur tun?

17.3.08 18:28

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bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


marizza / Website (17.3.08 18:34)
in den niederlanden, was ganz in der nähe von mir ist, ist es erlaubt.
hier ja nicht.
folge deinem gefühl, denn... du musst damit leben.


leni / Website (21.3.08 01:39)
hm...natürlich musst DU damit leben, aber wer sagt, dass DU das entscheiden darfst..es gibt viele menschen, die sagen, sie wollen sterben...aber welcher mensch will sterben...wirklich sterben? das ist widernatürlich...mag sein, dass deine oma wirklich verzweifelt ist, aber ihr wunsch zu sterben ist erstmal nur der ausdruck dessen, dass sie ihr leid beenden möchte...sie möchte das leid beenden, nicht ihr leben, nur sie sieht ihr leid direkt mit ihrem leben verbunden...

natürlich beseteht da eine verbindung zum leben, wenn der grund des leidens eine krankheit ist, aber es gibt so viele möglichkeiten...

ich würde auch keine peg haben wollen, aber vielleicht wäre es eine alternative für deine oma...so, wie du das schilderst, würde ich es wirklich überlegen...

...einer von tausend gedanken gerade, aber ich mag dich jetzt nicht zuschreibseln

liebe grüße

leni

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